Sabine Weichel


Bildstoerung

The memory of my first bildstoerung is a recollection of the first television of our family: a sort of furniture, a huge wooden box on slender conically running, funny wooden legs - like a fat man on high heels. No television I remember as precisely as this one. The front was covered to ist lower half with beige fabric, the loudspeakers behind. In ist upper half, behind a glas screen: the little green telly.

Still clearly visible before my inner eye: the two cream-colored knobs big as margerina pots - lefthand volume, righthand channels - adjustable by powerful turning - click, click, click.

Not to forget the antenna. Various cables lead from the ground floor to the attic. The fine tuning was done by loud calling from downstairs to the person on the attic who moved the antenna construction until finally the noise decreased and a picture became discernible.

Sunday afternoon, "Pippi Langstrumpf", my favourite series for which I sacrificed everything. And then: bildstoerung - an earsplitting, flickering noise, "snow flurry" and the desperate fight with the antenna cable.

At that time I didn´t know that this utmost unpleasant phenomenon would one day be beneficial to my art consumption. There is a person who has been working on this phenomenon since he was 13 years of age. The reason for this presumably lies far back in the past, similar to mine: disturbed vision of a favourite programme.

I met this person in 1992. His name is Volker Hildebrandt and he is an artist. With admirable and uncomparable consequence he examines the topic "bildstoerung" in painting, photography, sculpture and language.

Translation Larissa Hilbig


Bildstörung

Die Erinnerung an meine erste Bildstörung ist zunächst eine Erinnerung an den ersten Fernseher unserer Familie: eine Art Möbel, ein riesiger Holzkasten auf grazilen, konisch verlaufenden Holzbeinchen, wie ein dicker Mann auf Stöckelschuhen. An kein Fernsehgerät erinnere ich mich so deutlich, wie an dieses. Vorne war es zur unteren Hälfte mit beigem Stoff bezogen, dahinter die Lautsprecher. In der oberen Hälfte, hinter einer Glasscheibe, die kleine grüne Mattscheibe.

Noch deutlich vor meinem inneren Auge sichtbar, die beiden margarinetopfgroßen, cremefarbenen Drehknöpfe, links Lautstärke, rechts die Programme, durch kräftiges Schalten, "Klack, Klack, Klack", einstellbar.

Nicht zu vergessen die Antenne. Diverse Antennenkabel zogen sich vom Erdgeschoß bis auf den Dachboden. Die Feinabstimmung erfolgte durch lautes Rufen von unten zur Person auf dem Dachboden, die eine Antennenkonstruktion hin und her bewegte, bis das Rauschen nachließ und ein Bild erkennbar wurde.

Sonntagnachmittag, "Pippi Langstrumpf", meine Lieblingssendung, für die ich alles opferte und dann: - BILDSTÖRUNG - ein ohrenbetäubendes, flimmerndes Rauschen, "Schneegestöber" und der verzweifelte Kampf mit dem Antennenkabel.

Damals wußte ich nicht, daß diese äußerst unerfreuliche Erscheinung mir eines Tages zum Kunstgenuß gereichen würde. Es gibt einen Menschen, der sich mit diesem Phänomen, daß man auch "White Noise" nennt, seit seinem 13. Lebensjahr auseinandersetzt. Vermutlich liegt die Ursache weit zurück und, ähnlich wie bei mir, im gestörten Empfang einer Lieblingssendung.

Diesen Menschen lernte ich 1992 kennen. Sein Name ist Volker Hildebrandt und er ist Künstler. Mit einer bewundernswerten und unvergleichlichen Konsequenz untersucht er das Thema der Bildstörung künstlerisch mit dem Medium der Malerei, Photographie, Skulptur und der Sprache.

Sabine Weichel

 

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